Subkulturhauptstadt Karl-Marx-Stadt
06.11. - 22.11.2026
Die Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 war nicht zuletzt angetreten, explizit der autodidaktischen künstlerischen Selbstermächtigung Raum zu geben, die in der Stadt ohne Kunstschule-Tradition eine wesentliche Rolle spielte und zum herausragenden Sonderstatus innerhalb des alternativen Kunst- und Subkultur-Spektrums der späten DDR führte. Von Ansätzen abgesehen kam die außergewöhnliche Karl-Marx-Städter Szene der 1980er Jahre aber nicht in den Fokus, was nicht zuletzt auch eine internationale Würdigung hätte sein können.
»Subkulturhauptstadt Karl-Marx-Stadt« als Projekt in einer Kooperation des Leipziger Soziokulturellen Zentrums naTo e.V. und der Publikations- und Präsentationsplattform Zonic greift diese Fehlstelle leicht zugespitzt auf und setzt von einer relativen Außenposition zur ergänzenden Korrektur an, die ausgebaut nach Chemnitz zu tragen ein nächster Schritt sein könnte.
Es fußt dabei auf diversen Vorgänger-Projekten zur Subkultur des realsozialistischen Raums und entsprechenden Veröffentlichungen, insbesondere den Zonic-Spezial-Ausgaben »Spannung. Leistung. Widerstand. Magnetbanduntergrund DDR 1919-1990« (2006) und »Magnetizdat DDR. Magnetbanduntergrund Ost 1919-1990« (2023), beide im Verbrecher Verlag, in denen insbesondere auch der spezielle Charakter der Karl-Marx-Städter Szene vorgestellt wurde. Aus diesen Kontexten ergibt sich auch die maßgebliche Zusammenarbeit mit Dr. Claus Löser, der als Ko-Kurator aus den originalen Zusammenhängen stammt. Er gründete Anfang der 1980er mit dem späteren Künstler Florian Merkel die Artpunk-Band Die Gehirne, gab zwischen 1983 und 1985 mit Frank Bretschneider das originalgrafische Samisdat-Magazin A Drei heraus und veröffentlichte eigene Texte in anderen DDR-Samisdat-Publikationen. Hauptgrund seiner Verfolgung durch die Staatssicherheit war jedoch seine Rolle als wesentlicher Akteur der vor allem mit Super8-Technik arbeitenden Experimentalfilm-Szene, zu deren wichtigstem Archivar und wissenschaftlichem Aufbereiter er später wurde.
Die Wortwahl von der »Subkulturhauptstadt Karl-Marx-Stadt« bezieht sich aber auch wertend auf die wirklich erstaunliche Vielzahl außergewöhnlicher künstlerisch-subkultureller Aktivitäten, deren Bandbreite vor allem mittels der Ausstellung in der Galerie KUB erfahrbar wird, während zudem in einer Veranstaltungsreihe spezifische Momente kontextualisiert werden. Keine andere Stadt der DDR jedenfalls hatte eine ähnlich schräge Verschränkung von Klang, Poesie, Experimentalfilm, Kunst und performativer Aufführung aufzuweisen. Dass es auch schon eine Eigenwahrnehmung dieses Sonder-Charakters gab, drückte sich z.B. in den als Beilagen des Magazins A Drei erstellten Kassetten-Compilations »Melodie & Harmonie« und »Klar vor mir Musik« aus. Ebenfalls ein Novum der Selbstbehauptung der Hauptstadt eines Randbezirks. Deren politische wie kulturpolitische Wirkungsbedingungen über die 1980er Jahre hinweg ebenfalls dargestellt wird, von der staatlichen Repression Anfang der 1980er, vor allem von Punk, bis zur vorsichtig geweiteten, wenn auch weiter überwachten Spielwiese am Ende des Jahrzehnts bzw. des gesellschaftlichen Systems.
Ausstellung 06.11. - 22.11.2026
Mit Beiträgen von Jan Kummer, Frank Bretschneider, Till Exit, Radjo Monk, Thomas Florschütz, Dieter Wuschanski, Jan Löser, Florian Merkel, Barbara Köhler, Gisela Rüger, Ulrich Polster, Ina Kummer, Die Arroganten Sorben, Lutz Schramm + Marion Brasch, Inka Brückner u.v.a.m.
Galerie KUB, Kantstr.18, 04277 Leipzig
Öffnungszeiten Do/Fr 15-18 Uhr + Sa/So 14-20 Uhr
Termine und Programm
FR 06.11. 19.00
Galerie KUB
Vernissage
DJ: Zonic Zound Zystem
SA 07.11. 19.00
naTo
The Return of "Ba(a)d Schandau Express": AG. Geige vs. A.E. Bizottság
Live:
Byetone (Raster Music, Chemnitz, Ex-AG. Geige)
Rozi Mákó (Budapest)
LEN8 vs. Underwater Agents (Leipzig)
Einführung
„Ba(a)d Schandau Express“, das zwei „Art Pop Tribute“-EPs auf Edition Iron Curtain Radio und diverse Videos ergab, war Teil des EU-Projekts „TV Free Europe“ und verband konzeptionell die über das Jugendradio DT64 populär gewordene Absurd-Elektro-Avant-Pop-Künstlergruppe AG. Geige (1985-1993) aus Karl-Marx-Stadt mit der ebenso skurril agierenden wie einflussreichen Kunst-Post-Punk-Band A.E. Bizottság (1980-1986) aus Szentendre in wechselseitigen Versionen. Jüngere ungarische Elektronik-Produzenten arrangierten die ins Ungarische übertragenen AG. Geige-Stücke und deutsche Produzenten das ebenfalls übersetzte Material von A.E. Bizottság, jeweils unter Einbindung von Original-Mitgliedern beider Gruppen.
Für „Subkulturhauptstadt Karl-Marx-Stadt“ wird das Projekt noch einmal kurz vorgestellt und danach performen mehrere involvierte Acts. Den Anfang machen die Leipziger LEN8 featuring Underwater Agents mit einer Sounds´n´Poetry-Collage, die auf Texte beider Gruppen zugreift, aber auch die auf Platte verbreitete Annäherung des Ex-DDR-Underground-Dichters Bert Papenfuß an den Neo-Dadaismus der Ungarn einspeist.
Danach folgt die Budapester Produzentin Rozi Máko, auf den EPs sowohl solo als auch mit dem Techno-Project Committee, ansonsten aber vor allem einer der agilsten wie innovativsten Acts der dortigen Szene, wobei sie zuletzt auch oft Sounds für Theater- und Tanz-Inszenierungen im nahen Wien lieferte, aber auch live mit Kokó performte, der weiblichen Bizottság-Stimme.
Den krönenden Abschluss bildet Olaf Bender, ab 1989 bei der AG. Geige., der als Byetone einer der wichtigsten Acts des von ihm geführten Labels Rastermusik ist, das lange im Verbund mit Carsten Nicolai als Raster-Noton ganz vorn in der Wahrnehmung experimenteller Elektronik stand.
Ein sicher unterhaltsamer Abend der avancierten Ost-Ost-Electronica - ohne Nostalgie, ganz im vibrierenden Sound des Hier&Jetzt, aber mit subkultur-historischen Fußnoten.
DO 12.11. 19.00
Galerie KUB
Film: "AG. Geige - Ein Amateurfilm" (D, 2012, R: Carsten Gebhardt)
Talk: Jan Kummer (Ex-AG. Geige) vs. Lutz Schramm (Ex-DT64, Parocktikum)
Der Dokumentarfilm von Carsten Gebhardt zeigt den speziellen Werdegang der Kunst- und Musik-Formation AG. Geige auf, von der Gründung 1986 als lose Künstlergruppe mit Interesse an genreübergreifendem Agieren über die explosionsartig ansteigende Popularität, als ihre Kassetten bei der Sendung Parocktikum im Jugendradio DT64 liefen, und die erfolgreiche Fortführung der Aktivitäten nach dem DDR-Zusammenbruch bis zum abrupten Ende 1993, als sich die Wege der Protagonisten in der neuen Zeit partiell trennen, teils aber auch, wie im Fall des weltweit erfolgreichen Labels Raster-Noton und einer Anzahl von Projekten auf jenem, eben doch weitergeführt werden bis heute.
Vor und nach dem Film reden der ehemalige AG. Geige-Sänger Jan Kummer, der heute vor allem als bildender Künstler und Elternteil von im Pop-Biz erfolgreichen Kindern wahrgenommen wird, und Lutz Schramm, Macher und Moderator der DT64-Sendung Parocktikum, über die verworrenen Wege der AG. Geige, wobei Lutz Schramm auch Ausschnitte aus einem gemeinsam mit Marion Brasch produzierten AG. Geige-Feature mit retrofuturistischer Perspektive vorstellt.
SA 14.11. 19.00
Galerie KUB
Noise´n´Nischel: Klangkosmos Karl-Marx-Stadt
Live:
Die Gehirne feat. Jens Ausderwäsche + x
Konzert/ Talk / Filme
Die Szene von Karl-Marx-Stadt war eng vernetzt, zumal es keine künstlerischen Hochschulen gab, die stetig neues Potential eingebracht hätten. So entstanden interessante Wechselwirkungen und Kreuzungsmomente. Diesen will das Gespräch mit Claus Löser, Florian Merkel und Frank Maibier nachgehen, Mitgliedern der 1983 gegründeten und bald mit einer Magnetband-Kassette voll Krach auftrumpfenden Artpunk-Band, an die Personen andockten, die andererseits z.B. bei der Punkband Anna B spielten. Für die Punkszene spricht wiederum Inka Brückner, die mit Florian Merkel filmisch kooperierte. Der betrieb zudem sein Solo-Projekt Knut Baltz Formation, das Duo Tropenkoller und versammelte auf sehr eigene Weise schließlich die Karl-Marx-Stadt Studio Big Band 1989 und Claus Löser verband mit dem klangFarBe-Kassettenlabelbetreiber und umtriebigen Produzenten Frank Bretschneider (AG. Geige, Kriminelle Tanzkapelle, Heinz & Franz, Stein im Brett …) die gemeinsame Herausgabe des Magazins A Drei.
Ein Einblick in die Netzwerke, bevor dann Die Gehirne einen ihrer seltenen Auftritte absolvieren. In diesem Fall unterstützt von Jens Ausderwäsche, die mit Florian Merkel das krautige Improv-Projekt Der lustige Eidechs betreibt und sonst solo oder vormals mit der Band Baumarkt sowie dem Label RÖ37 Aktivteil der zeitgenössischen experimentellen Chemnitzer Szene ist.
Den Anfang des Abends bildet aber eine Weltpremiere: der Film "Szenen 1986"!
Inka Brückner war Mitte der 80er eine auffallende Persönlichkeit in Karl-Marx-Stadt und bewegte sich in einer Gruppe Gleichgesinnter, die als die ersten Karl-Marx-Städter Punks angesehen werden können. Eine Geschichte, die auch in "Tanz auf dem Vulkan" vertreten ist, dem Anfang des Jahres erschienen Buch über ostdeutsche Punk-Frauen von Geralf Pochop.
Sie hielt aber auch ihr Umfeld mit einer Super 8-Kamera fest und entwickelte Spielfilmideen, die sie mit ihrer Truppe umsetzte. Aus den Filmresten, die die "zuständigen Organe" in den 80ern übriggelassen haben, wurde nun von Inka Brückner und Florian Merkel ein 20minütiges Zeitbild montiert, in dem sich rudimentäre Spielszenen mit dokumentarischen Alltagsbeobachtungen und Aufnahmen aus dem Punk-Leben mischen, ergänzt mit zeitgeschichtlichen Abfilmungen vom Schwarzweiß-Fernseher. Die meisten Aufnahmen sind von 1986, was dem Film den Titel gab.
Super 8 digitalisiert, ca. 20 min
Inka Brückner: Regie, Kamera, Schnitt 1986
Inka Brückner und Florian Merkel: Bearbeitung 2026
FR 20.11. 19.00
Galerie KUB
Kamjenica calling! oder: Wie sorbisch waren Die Arroganten Sorben?
Talk mit HOER OFF + T.O.TAL + KAA-65 (=D.A.S.) + D.A.S.-Film (1989)
Der sich im Namen ausdrückende Ansatz der Gruppe Die Arroganten Sorben, kurz D.A.S., deren Mitglieder sämtlich Studenten der TU Karl-Marx-Stadt waren und erst schrittweise Teil der städtischen Szene wurden, war ein ganz besonderer. Die Kultur der Sorben, assoziiert mit staatlich geförderter Folklore, brachte vorher niemand mit Subkultur und fluxusartig agierender Avantgarde-Kunst in Beziehung. Dabei war kein Mitglied von D.A.S. selbst Sorbe. Alexander Pehlemann, der sich seit geraumer Zeit mit den Potentialen einer Neuen Sorbischen Kunst in erweiternder Fortführung der Ansätze und Ästhetiken der Neuen Slowenischen Kunst engagiert, diskutiert mit den D.A.S.-Mitbegründern Karsten Zimalla, Karsten Zinsik und Wolfram Lorenz deren Themenwahl und setzt sie in ein Verhältnis zu heutigen konzeptionellen Aktivitäten wie der Leipziger Gruppe NSK Lipsk. Zur Sprache kommen aber auch Nebenprojekte wie Die sorbischen Partisanen, die Weiterentwicklung von D.A.S. zur Gruppe Moderne Musik oder das Kassettenlabel Noiseworks, das später zu einem international funktionierenden Indie-Label wurde.
SO 22.11. 16.00
Galerie KUB
Finissage
Punk in Karl-Marx-Stadt
Talk, u.a. mit Kim Pickenhain ("Tanz auf dem Vulkan. Widerständige Punk-Frauen in der DDR)
Moderation: Jakob "Schrammel" Geisler (Heldenstadt Anders)
Punk hatte in Karl-Marx-Stadt mit dem zweiten größeren DDR-Punk-Festival 1983 einen frühen Höhepunkt und mit der Bonhoeffer-Gemeinde einen fixen kirchlichen Ort sowie mit Anna B. und Charlie Kaputt mindestens zwei Punk-Rock-Bands. Kim, der von der Stasi als „Punk-Inspirator einer negativ-dekadenten jugendlichen Vereinigung“ titulierte erste weibliche Punk der Stadt, und Katrin Irvine, die in der zweiten Hälfte der 1980er zur Szene gehörte, haben ihre spezifisch weibliche Perspektive kürzlich im von Geralf Prochop herausgegebenen Sammelband "Tanz auf dem Vulkan. Widerständige Punk-Frauen in der DDR“ dargelegt, dessen Cover Kim zudem ziert. Im Gespräch über die lokale Punkszene sprechen sie zudem mit Matthias „Sputnik“ Lindner von der 1985 gegründeten Band Anna B. sowie dem als Archivar wie Aufbereiter aktiven DDR-Punk-Experten Jakob „Schrammel“ Geisler, garniert mit Bildern und Sounds. Ein energetisches Finale der „Subkulturhauptstadt Karl-Marx-Stadt“!
Dieses Projekt wird gefördert durch das Kulturamt Leipzig und die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.





